Abschiede und Bilderfluten

Abschiede und Bilderfluten | Kaufebenholz.de

Wisst ihr, was ich sowohl faszinierend als auch wahnsinnig gruselig finde? Dass man nie weiß, wann man eine Person das letzte Mal gesehen haben, sie das letzte Mal umarmt oder mit ihr gesprochen haben wird, bevor es plötzlich nicht mehr möglich ist. Dieser Gedankengang ist natürlich keine Neuigkeit, beschäftigt mich in den letzten Tagen aber sehr. Denn es hat ein ganz wunderbarer, junger Mensch diese Welt verlassen. Und mein Herz ist schwer.

Das letzte Mal, dass ich C. sah, spazierten wir nachts durch ein italienisches Weingut.

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Im letzten Jahr habe ich einen Blogpost über das digitale Leben und Sterben geschrieben. Grund dafür war der Tod einer sympathischen Instagrammerin, der ich seit 2014 gefolgt war. Ich schrieb über den plötzlichen Verlust, über Trauerbewältigung im digitalen Zeitalter. In jenem Blogpost erzählte ich auch, wie ich vom Tod meiner Freundin K. erfahren hatte, damals, im Winter 2010: Nämlich über Facebook. Und in der letzten Woche erlebte ich nun ein trauriges Déja-vu, als ich mich beim Netzwerk mit dem weißen f einloggte und mich das Gesicht meiner Freundin anstrahlte. Es dauerte etwas, bis ich bemerkte, dass der Inhalt der spanischen Textes ein trauriger war: C. weile nicht mehr unter uns, hieß es dort. 

Was soll ich sagen? Es gibt diese typischen Momente des Stillstands, die ich bisher eigentlich jedes Mal erlebte, wenn ich von einem Tod eines mir bekannten Menschen erfuhr. Auch am Montag stand kurz alles still, bevor mir ganz heiß und kalt wurde und ich schließlich einer Freundin schrieb, ob ich den Post richtig verstanden hätte. Ja, C. war gegangen, vollkommen unerwartet und nicht selbstbestimmt. Und meine Freundin S. hatte noch nicht die Kraft gehabt, mir darüber zu berichten. Als beste Freundin von C. stand sie unter Schock. Und von den vielen Kondolenzbekundungen auf Facebook wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nichts.

Bilderflut

Seitdem also der ehemalige spanische Arbeitgeber C.s diesen Post mit der Nachricht über den Tod unserer lieben Freundin veröffentlicht hat – wohlgemerkt kein Familienmitglied oder enge*r Freund*in – fließen eine Menge Bilder von C. und ihren Freund*innen in meinen Newsfeed. Ein digitales Andenken mit mal mehr, mal weniger persönlichen Abschiedsworten findet nun auf dem Profil meiner Freundin Platz. Mir selbst kommt der Gedanke, ein Bild mit C. zu posten und Abschiedsworte auf ihre Pinnwand zu tippen, etwas merkwürdig vor – aber wer weiß, vielleicht fühlt es sich doch irgendwann richtig an? Ich bin nicht wirklich ein Fan dieser sehr emotionalen Facebookposts. Doch dieses Mal ist alles ein wenig anders. Momentan erfreue ich mich sehr an den Bildern einer lachenden C. mit so vielen Menschen, die sie mochten und liebten. Mir stehen bei manchen der mit Herz getippten Abschiedstexte die Tränen in den Augen, einfach, weil C. so wunderbar beschrieben wird, weil alle ihr besonderes Lächeln erwähnen, ihre strahlende Natur.

Der wirklich enge Kreis hat bisher noch kein Bild gepostet und das kann ich sehr gut verstehen: Man trauert gemeinsam, besucht die Eltern und Familie C.s, macht den Emotionen Luft. C. hinterlässt einen leeren Platz am Tisch, der sonst von ihrem Sarkasmus, ihrer Herzlichkeit und einem strahlenden Lachen besetzt war. Sie war eine kleine Naturgewalt des guten Humors, bodenständig, fast genervt von den ewig Lachenden und doch selbst so strahlend. Ein Lockenkopf mit so viel Wissen, wie Kringeln in ihrem schwarzen Haar. Und in meiner Zeit im Ausland war sie einer meiner Felsen in der Brandung, vor allem auf Parties, wenn ich anfangs schüchtern und der Sprache noch nicht so mächtig in der Menge stand und nicht wusste, wohin mit mir. Sie brach das Eis, stellte mir Menschen vor, half mir, mich zugehörig zu fühlen. Im September sah ich sie zum letzten Mal – und es entstand unser letztes gemeinsames Foto. Ich bin so froh, es auf meiner Festplatte zu haben und nicht nur die Erinnerung an diesen Tag in meinem Kopf.

Macht Bilder!

Die Aussage dieses Blogposts ist eigentlich… die typische: Lebt das Leben, kitzelt eure Komfortzone, geht über sie hinaus. Und: MACHT BILDER! Natürlich bleiben die wirklich wichtigen Erlebnisse des Lebens im Kopf gespeichert, aber wie schön ist es, Bilder anschauen zu können und sich mit ihnen in ganz bestimmte Situationen zurückzubeamen? Ich bin so froh, C.s weiße Zähne in einem breiten, ehrlichen Lachen auf verschwommenen Bildern mit ihren Gefährt*innen zu sehen – und zu wissen, dass sie, trotz aller Widrigkeiten in ihren gerade 28 Jahren, doch so viele Orte sehen, so viel erleben konnte und es so viele Menschen gibt, die sie berührt hat. Das nächste Mal, wenn ihr mit euren Freund*innen oder eurer Familie unterwegs seid – ja, selbst mit euren Kolleg*innen – sträubt euch nicht, wenn nach einem Gruppenfoto verlangt wird. Sagt ja, selbst, wenn ihr eigentlich die Kamera scheut. Und wenn es niemanden in eurer Gruppe gibt, der*die nach solch einem Bild verlangt: Seid es selbst! Ihr wisst nie, was für einen schönen Glücksmoment diese Fotos später bedeuten können. Und natürlich müssen sie nicht im Internet landen. Es reicht, wenn sie die richtigen Personen erreichen.  

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