Engel in Laufschuhen – San Francisco

Joggerin aufebenholz

Alleine auf Weltreise & auf geheimer Mission


Preface

Nachdem ich in Japan, Indien und Australien gewesen war und dort Freundinnen und Familie besucht hatte, hieß es nun: Hello there, United States of America! Ganz allein in der weiten Prärie quasi! Es zog mich, als USA-Greenhorn, erst einmal in die großen Städte, die man aus dem TV kennt – man will sich ja einen Überblick verschaffen. Meine Tour sollte in San Francisco starten und nach Los Angeles sowie Miami dann in New York enden.

Mit australischen Frangipani im Haar (aus Plastik allerdings) ging es für mich ganz authentisch in den Landeanflug – you need to wear flowers in your hair, darl‚! Ich befand mich also gerade ein paar Tage in der ersten Stadt: San Francisco. Eigentlich war alles cool – ich hatte super spannende Leute in meinem Hostelzimmer, erkundete allein oder mit den neuen Bekannten die Stadt, kaufte ein paar Souvenirs für mich und die Family und war happy. Bis, ja bis meine Kreditkarte gehackt wurde. Angespannt und ohne wirkliche Handlungsoptionen machte ich mich trotzdem auf den Weg in die Stadt – denn ich hatte eine Mission…

G’day,
ich weiß nicht, wo ich anfangen will. Heute war ein ereignisreicher Tag in San Francisco. Beim Onlinebanking gestern Abend wunderte ich mich: „Nanu? SO viel hab ich aber nicht ausgegeben, oder?“ Dann dachte ich, dass jetzt vielleicht noch einige Australienausgaben abgerechnet worden sein mussten. Heute morgen dann checkte ich nochmal die finanzielle Lage und – Schockschwerenot! – es hatten sich weitere 1.800 Euro im roten Bereich angesiedelt. Jawohl, mein Konto wurde gehackt. Welch großartiger Start in den Tag!

Demnach war meine Laune heute morgen, trotz Sonnenschein, eher im Keller. Aber nichtsdestotrotz machte ich mich früh auf, aß den leckersten Bagel der Welt und trank dazu einen Mittelklassekaffee (oh, heimische Espressomaschine, ich freu mich so auf dich!). Dann packte ich Alinas Salz in meine Handtasche und machte mich auf den Weg Richtung Golden Gate Bridge. Moment, Salz?! Oh ja, Kräutersalz, um genau zu sein. Die Erklärung dazu kommt weiter unten.

Ein Engel in Laufschuhen 

Nach einigen Unsicherheiten mit den Wegbeschreibungen der Einheimischen, saß ich im Bus, und starrte auf den Zettel mit Alinas Wegbeschreibung. Mitten im Grün ließ mich der Busfahrer wissen, dass dies jetzt meine Station sein müsse (es hilft immer sehr, wenn die Busfahrer selber nicht so gut Englisch sprechen können…). Nun stand ich zwischen lauter Bäumen und einer kleinen Parkbank und wusste, dass ich hier absolut nicht richtig war. So fand ich mich in einem dieser seltenen Momente wieder, in denen ich schlichtweg orientierungslos bin.
Da stand ich also, um mich herum Bäume und hin und wieder ein vorbeizischendes Auto. Super. Ich setzte mich an den Straßenrand auf die Bank, erinnerte deshalb direkt an mein Bankkonto und war das erste Mal auf meiner Reise so ratlos, dass ich den Tränen nahe war. Ich wusste zwar, in welche Richtung ich weiter gehen musste, aber ich war unglaublich unmotiviert und wollte einfach „nur kurz“ nach Hause, nur ein paar Momente in der Komfortzone verbringen mit mir lieben Menschen. Nach zehn Minuten intensiven Musikhörens, inneren Wechseln zwischen Flucherei und gutem Zureden riss ich mich zusammen und machte mich den leichten Hügel hinauf auf den Weg.

lost aufebenholz.de
Lost in the woods. Quelle: pexels

Um sicher zu gehen, dass ich tatsächlich in die korrekte Richtung lief, hielt ich eine Joggern (vielleicht Ende 40, pinkes Top und schwarze Sportleggins) an und fragte sie, ob ich richtig sei. „Moment!“ rief sie und joggte einmal um mich rum, dann circa zehn Sekunden auf der Stelle und dann tippte sie was auf ihrer Pulsuhr ein. „Soo, jetzt“, sagte sie, nahm ihre Musik aus beiden Ohren und meine Aufzeichnung in die Hand. „Mmmh, ich hab leider gar keine Ahnung, wo das ist, aber ich jogge schnell die zwei Meilen nach Hause und hole das Auto, ja? Gib mir… zehn Minuten und setz‘ dich da drüben hin! Wenn du nicht mehr da bist, wenn ich komme, gehe ich einfach davon aus, dass dir jemand schneller geholfen hat!“ Sie grinste mich an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ich stand einfach nur da, perplex. Und dann dachte ich „Süß!“ Also setzte ich mich hin und sie rannte los.
Nach gerade zwei Minuten hupte ein Taxi neben mir – meine neue Bekannte hing aus dem Fenster und rief „It’s me! Your runner! I got a cab!“ Waaaas? Okay, ich sprang auf und war vor Rührung wieder den Tränen nah. Wenn ich so richtig den Blues habe, bringt mich jede Nettigkeit zum Weinen. Trotzdem schwang etwas Skepsis und Furcht mit – ich kannte die Dame nicht und mehr als 15$ hatte ich auch nicht mehr dabei und mein Konto…ja, das war heillos überzogen.

Joggerin aufebenholz
Quelle: pexels

Der Taxifahrer hatte überhaupt keinen Plan von seinem Job, geschweige denn der Gegend. (Wie konnte das sein?) Aber mit der Hilfe meiner Retterin in Laufschuhen fanden wir bald die richtige Avenue und sie drehte sich glücklich zu mir um und sagte „I just wanted to make sure that you get to the right place, Sweetheart!“ Ich hätte sie echt knuddeln können, aber musste schon aussteigen, weil der Fahrer an dieser Straße absolut nicht halten durfte. Als ich mein Portemonnaie zückte, legte sie ihre Hand auf meine und sagte „Nein, nein, das übernehme ich, Liebes! Schließlich habe ich das Taxi gerufen und nicht du. Mach‘, dass du zum Ziel kommst!“

Sie ist mein Engel gewesen, mein Engel in Laufschuhen, in einem pinken Top und mit dem breitesten Lächeln des Vormittags, welches nur noch am Nachmittag von Dan eingeholt werden sollte! Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich echt mein Tief des Tages. Des Monats. Ach, der Reise!
Und in diesem Moment musste ich an meinen Freund Jonny denken, der mir zum Abschied ein ganz wunderbares Buch mitgegeben hat, in dem von genau solchen Ereignissen die Rede ist: Jemand ist auf einer Reise und bekommt – an einem seltsamen oder einsamen Ort in einem fremden Land – von einer total fremden Person Hilfe.
Total unerwartete, erwartungslose Hilfe.

Aber Moment, was war jetzt mit diesem Salz?

***

„Hi, you don’t know me – but this is for you!“

Die Mission, auf der ich mich befand, war Monate zuvor von meiner Freundin Alina und mir ausgeheckt worden. Zur Erklärung: Alina hatte ein halbes Jahr vor meiner Abreise ein Praktikum in San Francisco gemacht und ihren lieben Kollegen damals vom Kräutersalz erzählt, und wie perfekt es zu Avocado passe. Das Salz schwirrte schon weit Wochen in ihrem Kopf umher und wartete darauf, gekauft und verschickt zu werden. Wir scherzten einige Zeit vor meiner Abreise also herum, wie amüsant es wäre, es einfach loszuschicken oder vor die Tür zu stellen. „Oder ich bringe das Salz einfach vorbei, wenn ich da bin,“ rief ich schließlich lachend. Bei unserem letzten Besuch beim Lieblingsinder überreichte mir Alina also eine kleine Packung Kräutersalz – und diese ist bis zu besagten Tag mit mir mitgereist. Knapp zwei Monate; London, Japan, Kuala Lumpur, Bangalore, Mysore, Malaysia, Bangkok, Sydney – bis nach San Francisco! Und schließlich hat sie dann zu ihrem Bestimmungsort gefunden: In die Hände von Dan, in ein Marketingbüro nur zehn Minuten Autofahrt von der Golden Gate Bridge entfernt.

Ich klopfte an die Tür der Suite 119, eine Dame öffnete mir, sah mich irritiert an. Ich sagte nur, wen ich sehen wollte – es wirkte tatsächlich etwas mysteriös, wenn man so darüber nachdenkt. Sie bat mich schließlich herein und ich erblickte Dan. Schließlich fing ich an zu reden: „Hi! Okay, this is kind of awkward – but I’m Michelle, one of Alina’s German friends and … I’ve got a present for you!“ Jap, random moment approaching! Ich hielt das Salz hoch und grinste – nach einigen Sekunden der Verwirrung machte es bei meinem Gegenüber „klick“ und ein breites Grinsen leuchtete auf. Der andere Kollege meinte nur „Of course Alina would do that!“ Und wir alle lachten. Zack, wurde ein Beweisfoto geschossen, das Eis war gebrochen und wir kamen ins Gespräch. Schließlich wurde ich gefragt, was mein nächstes Ziel für heute sei. Die Golden Gate Bridge natürlich! „Ich kann dich hinfahren!“ Tja, so bekam ich auch noch einen Carride zur Bridge und hab seit diesem Tag einen Bekannten mehr in meinem Newsfeed auf Facebook. Und wichtiger noch: Einige tolle, menschliche Erfahrungen mehr!

Golden Gate Bridge aufebenholz
Und hier setzte mich Dan ab. Quelle: pexels

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