Meine Nachbarin die Papageidame

Papageidame | aufebenholz.de
„Tag des guten Nachbarn“

Wie es scheint, ist der 28. September „Tag des guten Nachbarn“ – zumindest in den USA. Und ja, Nachbar*innen sind wirklich was Feines: Manchmal haben sie das fehlende Mehl parat, manchmal können sie die Blumen gießen, wenn man verreist. Oder sie bringen einem etwas mit, wenn man krank ist und es nicht selbst zur Apotheke schafft. Ein Traum!

Die Realität beglückt leider nicht alle mit solch einer Nachbarschaft, auch mich nicht. Aber dafür beglückt mich das Haus, in dem ich wohne, mit einer Reihe slapstickartiger Geschichten und Erlebnisse. Einige Monate lang spielte tatsächlich ein Papagei die Hauptrolle in meinen Erzählungen.

„Bist du nicht die mit der Papagei-Nachbarin?“

Dieser Satz begrüßte mich neulich auf einer Geburtstagsfeier. Eine wunderbare Freundin hatte das erste Mal seit zwei Jahren wieder gefeiert, weil sie zuvor im Ausland gewesen war. Beim erneuten Kennenlernen ihrer Kommilitoninnen, wurde ich gleich als „die mit der Papagei-Geschichte“ wiedererkannt – jene hatte ich nämlich auf dem letzten Geburtstag erzählt, auf dem ich die Uni-Clique das erste Mal kennengelernt hatte. Während mein Kopf also versuchte, den richtigen Namen für den vor mir stehenden Zwilling zu wählen, war für alle am Tisch schon klar: Jaa, die Papageifreundin ist das! Tja, so kommt das mit den Spitznamen, nicht wahr?

Meet the neighbours: Zu Gast bei der Kräuterhexe

Meine Nachbarin, also die, mit der ich wirklich Wand an Wand wohne, ist eine besondere Person: Sehr extrovertiert, sehr präsent – die Welt ist ihre Bühne, unsere Straße ihr Catwalk, der Wochenmarkt ihr Regierungsviertel! Mit ihrem russischen Akzent, ihrer zierlichen Figur und ihrer Liebe für Tierprints und verschiedene Perücken kann man sie auch einfach nicht übersehen.

Kräuter | aufebenholz.de
Bild: pixabay

Bei einer unserer ersten Begegnungen komplimentierte meine Nachbarin mich direkt in ihre Wohnung, führte mich durch jeden Raum, zeigte mir die Bilder an ihrer Wand und ihre vielen Kräutertöpfe. Sogar den Inhalt ihres Kühlschrankes präsentierte sie mir (alles regional und bio, also wirklich cool) und gab mir dabei noch ein paar „Abnehmtipps“. Als sie ihr Gefrierfach öffnete, sah ich nur noch Grün – Thymian, Löwenzahn, Basilikum und co. waren dort zuhause –  und hörte sie sagen „Du kannst mich die Kräuterhexe nennen!“ Mit reichlich Geschenken, also Kartoffeln und russischen Süßigkeiten, schickte sie mich nach einer Stunde rüber in meine Wohnung.

Meine Nachbarin, die Papageidame

Nachdem ich, wenige Monate nach dem Einzug ins Haus, so richtig angekommen war und mich an die neuen Geräusche um mich herum gewöhnt hatte, begannen seltsame Klänge aus der Wohnung meiner Nachbarin zu kommen. Was war das? Ich begann zu rätseln. Und schließlich ging mir ein Licht auf und ich teilte folgenden Text bei Facebook:

Nach Tagen der Verwirrung, weiß ich nun, woher die seltsamen Geräusche im Hausflur kommen: Meine Nachbarin hat sich einen Papagei zugelegt. Bisher kann er toll das Knarren ihrer Tür nachmachen, außerdem hat er zwei Katzenstimmen drauf (eine klägliche und eine fröhliche) und auch ihr Telefonklingeln. Das kurze Warnhupen der einfahrenden Fernzüge kann er ebenfalls perfekt imitieren.
Wenn er jetzt noch einige meiner Lieblingsmusiktitel in sein Repertoire aufnimmt, könnten wir noch Freunde werden. Wenn nicht, wird’s eher schwierig mit uns.

Graupapagei | aufebenholz.de
„Lust auf eine Jam-Session?“ Bild: pixabay

Wenig später lief ich im Hausflur meiner Nachbarin über den Weg.

„Sie haben einen neuen Mitbewohner, oder?“

„Jaaa, hast du gehört? Ein Papagei! Ist sie zu laut?“

„Och, naja… sie ist schon hörbar. Kann man ihr Lieder beibringen?“

„Komm mit, ich stell’ euch einander vor!“

„Ach, das muss nicht sein, ich wollte gerade zum Eink—“

Meine Nachbarin packte mich am Arm und zog mich in ihre Wohnung. Ich war das ja nun schon gewöhnt. Also fand ich mich im nächsten Moment in ihrem Gästezimmer wieder, in der Ecke des Raumes stand ein großer Käfig. In jenem Käfig saß, ganz unbeeindruckt von der Besucherin, ein grauer Papagei. Pardon, eine graue Papageidame.

„Sie und ich singen manchmal zusammen.“

„Oh… das ist ja nett.“

„Ja, russische Lieder. Ist ein russischer Vogel.“

„Oh, wow. Russisch kann ich leider nicht.“

„Musst du lernen. Sie gehört einem Balletttänzer, aber er musste für ein halbes Jahr nach Moskau.“

„Und solange wird sie hier wohnen?“

„Genau. Sollen wir dir was vorsingen?“

„Aaaach, wissen Sie, ich muss jetzt wirklich—“

Dann begann der Gesang, viel Vibrato, viel Ausdruck. Und während die Papageidame und meine Nachbarin mir (scheinbar unterschiedliche) russische Volkslieder vorsangen, stand ich in diesem Zimmer und fragte mich, ob ich dem Vogel nicht meine Playlist unterjubeln könne. Vielleicht hatte sie ja mehr Lust auf ein bisschen was Modernes. Als das Konzert vorbei war, applaudierte ich etwas unsicher und wurde auf den Wochenmarkt entlassen.

Doch das war nur die erste Begegnung mit der grauen Papageidame, schließlich hatten wir noch fast sechs Monate Nachbarschaft vor uns!

Nachbarschaft | aufebenholz.de
Auf gute Nachbarschaft! (Wenn auch nicht in Paris, wie hier abgebildet…) Bild: pixabay

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