Wahltag

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Kein Polit-Blog

Auch, wenn aufebenholz definitiv kein politischer Blog ist, muss ich heute ein paar Gedanken zur Bundestagswahl 2017 loswerden. Es ist der 24. September und für mich – wie für viele andere auch – hat heute die wohl spannendste Bundestagswahl seit Erhalt des Wahlrechts stattgefunden. Der Ausgang dieser Wahl hat mich zum Nachdenken gebracht – und zukünftig bringt er mich auch zum Handeln. Aber dazu gleich.

German Angst

Tatsächlich war mein Gefühl auf dem Weg zur Wahlurne ein besonders mulmiges: Was, wenn die AfD ihren bisherigen Trend beibehalten und in den Bundestag einziehen sollte? Was für ein Zeichen würde das für die Rechtsextremen setzen, welche Angst würde es in den Menschen, die nicht hier geboren worden sind oder deren Eltern es nicht sind, auslösen? Und was für ein Zeichen würde ein solches Ergebnis in die Welt senden?

Sechs Stunden, nachdem ich meine Kreuze gesetzt hatte, blitzte die traurige Gewissheit über meinen Handybildschirm: Die AfD versprach bereits die Jagd auf Angela Merkel. Genau diese Art des Handelns ist es, die so unfassbar gruselig ist: Worte wie Messerspitzen fliegen durch den Raum, durch die sozialen Medien, durch die Ohren der AfDler bis hin in die Köpfe, wo sie sich einritzen. Eine politische Bewegung, die ihre Kraft aus der alten German Angst zieht – das ist eine Bewegung, die ich noch vor wenigen Jahren nicht als wirklich möglich erachtet hätte. Waren wir nicht so viel weiter? Hatten nicht endlich so viele andere wichtige Themen die Chance auf Anhörung gehabt? Die Belange der Homosexuellen, der Transsexuellen, das Thema Naturschutz und die Integration? Und die vielen anderen wichtigen Punkte, die die Menschen bewegen? Und vor lauter Zukunftsangst springen wir nun einen Schritt zurück in die Vergangenheit?

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Meine Traumpartei: Die Eierlegende Wollmilchsau

Derzeit spiegelt keine der Parteien komplett meine „Wünsche“ für das Land, in dem ich lebe, wider. Mir fällt es sehr schwer, Gewichtungen und Prioritäten zwischen meinen Anliegen zu treffen. Ich wünsche mir Gleichberechtigung, nicht nur für Männer und Frauen, sondern auch für alle dazwischen. Ich wünsche mir die Anerkennung weiterer Geschlechter, die Unterstützung von Menschen mit Behinderung, ein Aufmerksammachen und Akzeptieren mentaler Erkrankungen, eine Enttabuisierung jener. Ein funktionierendes Gesundheitssystem soll all das untermauern.

Auch Familien, egal welcher Zusammenstellung, sollen gefördert werden. Jung und Alt sollen beachtet und gehört werden und keine Angst vor Armut haben müssen. Die Integration von Menschen, die es hierher verschlagen hat – aus Angst, aus Armut – muss gestärkt werden, aber auch ihre Versorgung. Tierschutz, Umweltschutz, erneuerbare Energien? Ja, bitte! Her damit! Wir brauchen weder Plastik in den Weltmeeren, noch in den Tieren, den Kosmetika, die wir nutzen oder in unserem Trinkwasser. Die Eierlegende Wollmilchsau hat nicht nur all diese Punkte im Blick, sondern schaut auch über den „deutschen“ Tellerrand: Das internationale Geschehen ruhig und weitsichtig betrachtend und im Wohle der Allgemeinheit handelnd ist sie angesehene Gesprächspartnerin. Vertrauen ist ein wichtiger Grundstein, der nicht fehlen soll. Dies sind nur einige meiner Wünsche, das ist klar.

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Doch womit beginnen all diese Veränderungen? Womit können sie gelingen? Richtig, mit Bildung! Sie ist ein so bedeutsamer Schlüssel für alles, was man im Leben neben Liebe noch benötigt: Weitsicht, Empathie, Verständnis, Austausch, Reflexion, Zukunftsplanung und Lösungsfindung. Bildung für alle, und zwar nicht nur in der Schule, wünsche ich mir. Wir lernen ein Leben lang und das sollte gefördert werden.

Und ich habe trotzdem gewählt

Wäre ich nicht so schrecklich sensibel und würde mir vieles zu stark zu Herzen nehmen, wäre ich vermutlich in die Politik gegangen. Aber ich muss mit dem arbeiten, was ich habe – und das ist immerhin meine Stimme.

Meine Traumpartei gibt es bisher nicht, aber es gibt verschiedene Parteien, die immerhin einige der für mich wichtigen Punkte vertreten. Somit konnte ich also einen Teil meiner vielen Interessen mit meinem persönlichen Votum vertreten – heute habe ich das mit einigen beschwingten Kreuzen getan.

Über Dankbarkeit und Stolz

Und dafür bin ich ebenso dankbar, wie dafür, eine Stimme zu haben, wählen zu dürfen, meinen Unmut und mein Lob frei äußern zu können und ein aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. In Deutschland geboren zu sein, und das zu einer Zeit, in der Frauen auch wählen dürfen (schließlich dürfen „wir“ das erst seit 1919), ist purer Zufall. Dafür habe ich nichts getan und dafür haben auch die meisten anderen Deutschen nichts getan. Es ist ein Privileg in Sicherheit und mit so viel Freiheit leben zu dürfen, aber hier geboren zu sein ist in meinen Augen noch immer nichts, worauf man stolz sein kann.

Neue Chancen

Der Ausgang der heutigen Wahl ist kein Weltuntergang, aber eine Zäsur. Sie ist eine Warnung und wird hoffentlich als solche verstanden und gehandhabt werden. Bestenfalls sorgt diese neue Situation für ein neues Verständnis, für neue Wege und Lösungen. Angst vor Vielfältigkeit ist keine Grundlage für ein Land. Und Deutschland ist schließlich ein Land, das für seine fast 6.000 verschiedenen Biere bekannt ist – das Streben nach Vielfalt kann doch so viel Gutes bringen!

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Wichtig ist also, was wir nun aus dieser Situation machen. Nur zu wettern und dabei tatenlos zu sein ist keine Option. Deshalb habe ich mich da schon für eine Maßnahme entschieden: Für mich persönlich bedeutet diese politische Situation, dass ich noch mehr für ein Miteinander stehen möchte. Ich fühle mich darin bestätigt, nun freiberuflich als Trainerin für interkulturelle Kompetenzen aktiv zu sein: Miteinander reden, voneinander lernen – all das scheint jetzt noch wichtiger als vor der Wahl. Werden Menschen unterschiedlicher Kulturen füreinander sensibilisiert, kann das ganz wunderbare Synergien erzeugen. Und wer weiß, vielleicht haben wir in ein paar Jahren dann sogar einige weitere Biersorten mehr.

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Für Vielfalt!
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